Auswahl aus allem

 Erstaunlich viel lässt sich über die künstlerische Arbeit Daniel Kupferbergs am Beispiel seines letzten Umzugs ablesen. Die auf den ersten Blick mannigfachen, unterschiedlich großen, unterschiedlich gut oder überhaupt nicht verpackten Kisten und Kunstwerke, Pflanzen, mehr oder minder in Einzelteile zerlegten Möbel, Bücher, Mappen, Holzlatten, Kunstrasen- und Stoffballen, Werkzeuge, Orgeln, Keyboards und Tragetaschen gefüllt mit Flöten und Bettwäsche sind in ihrer Masse nur von 9 Menschen bewegbar und in ihrer Komplexität schwer erfassbar. Und – das scheint ebenfalls bedeutsam – unvollständig, da nicht alle Gegenstände den Weg vom Studio und WG-Zimmer in den neuen Lebens- und Arbeitsraum finden: Teile bleiben zurück, werden später abgeholt, Besitzverhältnisse können nicht abschließend geklärt werden, das Fassungsvermögen des Wagens ist erreicht. Nach dem gescheiterten Versuch ein ebenso großes wie klappriges Metallregal am Stück das Treppenhaus hinunterzutragen, beginnt Daniel an Ort und Stelle mit dessen Abbau. Ich stütze das Regal und das Regal mich, während ein prall mit Lametta und Perücken gefülltes Schminkköfferchen und andere Arbeitsmaterialien an diesem höchst fragilen Equilibrium vorbeigetragen werden. Eine in mir aufkommende Sehnsucht nach Technokratie möchte die Gesamtheit des Umzugs sorgfältig in Seidenpapier einschlagen und in eine Kiste mit der Aufschrift “Idiosynkrasie und Gerümpel” verpacken. Doch wäre dies vorschnell und grob, da sich die nicht abgeschlossenen, zerbrechlichen wie zarten Prozesse auch als Charakteristika der künstlerischen Arbeit von Daniel Kupferberg wieder erkennen lassen.

Es lohnt sich die Verfahren der Beobachtung, Auswahl, Formgebung und Umformung sowie deren Verflechtungen, Überschneidungen und Unvollständigkeiten in den Blick zu nehmen. Das Pantheon der zögerlichen Plötzlichkeit (2011/12) basiert auf dem Gerüst und Einzelteilen des Steinmobil[s] (2010), welches nun nach zwei Jahren in seiner Eigenständigkeit als Werk zerstört, doch materiell nicht verschwunden, sondern umgestaltet ist. Die kleinteilig aus gefundenem Material in einem Farbverlauf von innen nach außen angeordneten Fundstücke, Plastikteile, Schnipsel, Reste und das mobile Gerüst sind nun recodiert in neuen Bedeutungszusammenhängen. Dabei ist bemerkenswert, dass es hier nicht um eine stringente Weiterentwicklung oder strategisch wie fortschrittliche Erweiterung seines Werkes geht, sondern dass in diesem Verfahren die Bedeutungszuweisung der Einzelteile komplett aufgelöst und wieder neu hergestellt wird. Während des Schreibens dieses Textes verwandelt sich das Pantheon übrigens in “womöglich was mit multiplex, quasi kopf-kino, alternative welten zu cinestar usw”. Der Spekulation eines Warum lässt sich mit der Feststellung dieses Möglichkeitsraums begegnen, dessen materielle wie semantische Elastizität sich über das gesamte Werk von Daniel Kupferberg spannt. Dabei handelt es sich nicht um eine die Jahrtausende überdauernde Architektur, sondern um Zwischennutzungen von Referenzen, ästhetischem Feingefühl, Hilflosigkeit und Humor.

Diese Gestaltungsprozesse beschränken sich, wie am Beispiel des Umzugs angedeutet, nicht auf eine abgeschlossene Sphäre von Kunst. Die Zeichnungen aus dem Begegnungsbuch (2008/2012) sind Andeutungen der Menge der Möglichkeiten, einander zu begegnen. Möglichkeiten, die Daniel Kupferberg wahrnimmt, mit denen er sich konfrontiert sieht und sie mit einem erfreulichen Gegengewicht an Heiterkeit zeichnet. In der Versiegelung als Buch sind sie herausstechend, weil der Moment des Auf den Punkt kommen[s] (2008) in der gleichnamigen Arbeit pointiert beschrieben und verunmöglicht wird. Doch sind dies nicht Werke eines derzeit aus der Mode gekommenen Waldschratkünstlers, der sich in seiner mit Krimskrams vollgemüllten Rumpelkammer über das vermeintliche Außen lustig macht. Diese Analyse würde die hochgradige Referenzialität zu Kunst und Architektur, Sprache wie Musik und die komplexe Verwobenheit mit emotionalen sowie sozialpolitischen Diskursen unterschlagen.

Es erscheint mir nicht zufällig, dass die erste Einzelausstellung von Daniel Kupferberg selbstorganisiert in einem Projektraum, in einigem Abstand zum Ende des Studiums zu sehen ist. Auch in der Vergangenheit waren seine Werke in eher behüteten Kontexten wie der Akademie, aufgrund Einladungen von Freund_innen oder in queeren Formaten zu sehen. Sein Desinteresse am Kunstmarkt liegt nicht an der Knappheit selbstproduzierter Waren. Er weigert sich, diese ansprechend zu verpacken und es ist wahrscheinlicher, dass mensch bei einer Arbeitsbesprechung einem Pastakarton voller Fotos statt einem (präsentations-)fertigen Piece gegenübersteht. Bei dem Arbeitsrahmen, der die Medien Zeichnung, Plastik, Performance, Malerei, Video, Fotografie, Text/Poesie, Klang, Installation, Ready-Made umfasst, ist dies ohnehin schwierig. Der erstaunlich störrische Wille, sich nicht fixieren zu lassen, stellt auf den Ebenen von Ökonomie und Anerkennung politische Fragen: Wie und wo sind Orte der Sichtbarkeit findbar oder schaffbar, die nicht vorab auf die Warenförmigkeit der Kunst konditioniert sind? Und im Umkehrschluss: Welche ephemeren, uneindeutigen, bockigen, skurrilen, (selbst-)parodierenden, mehrdimensionalen Praktiken können im konventionellen System von Produktion-Reproduktion-Distribution kaum satt finden? Möglicherweise diese: Haut Kotüren (2010), Stoffobjekte, bezogen auf Körper und Mode, auf der Bühne mit Models in Ganzkörperstrumpfhosen, nachts nackt alleine zum Kuscheln und als Fotografieobjekte; oder der präzise dirigierte verzaubernde Missklang des Klangfarbenorchester (2008/09) mit entworfenen Instrumenten, Musiker_innen, Laien und deren Präsenzen, in jeder Aufführung umgeschrieben und umbesetzt. Beide hinterlassen zwar materielle Spuren, doch das Erleben dieser Werkformen auf den verschiedenen Ebenen lässt sich nur schwer in Relikten erahnen und ist trotz allografischer Anlehnungen nicht reproduzierbar.

Die Unabgrenzbarkeit und Komplexität werden nicht mit Kalkül inszeniert. Berechenbarkeit und Vermarktbarkeit verlieren den Wettbewerb gegen Desorganisation und Prozesshaftigkeit. Es ist souveräne Unsicherheit, mit der Daniel Kupferberg diese flauschigen und fragilen Gefüge erbaut, wiederkäut, aktualisiert, zum Knarzen, Krächtzen, Lachen und Quietschen bringt.