Georg Kolbe
Tänzerinnen-Brunnen
1922, fotografiert am 9.2.2025
Ach Georg, was weißt du über dich?
„Paranoia knows some things well and others poorly“
– Eve Kosofsky Sedgwick
Ach Georg, dein Brunnen von 1922 ist auf meinem Schreibtisch gelandet. Dafür gibt es mehrere Gründe, aber einer ist sicherlich, dass er problematisch ist. Wahrscheinlich bist du es selbst auch. 2025 ist das 75. Jubiläum des Georg Kolbe Museums, vor 81 Jahren standest du auf der Gottbegnadeten-Liste und vor 87 Jahren schenktest du Hitler dein It-Piece, eine von dir 24-fach reproduzierte Büste Francisco Francos. Ich sag’s dir gleich: Ich bin hier nicht der Kunde, der diesen Brunnen verteidigt, der von Anfang an delulu war. Ich starte 2025 nicht mit „der Schönheit der abstrakten Körperlinien, dynamisch wie ein Ast im Wind“ oder ähnlichen Beschwichtigungen für unbeteiligte Leser_innen. Stattdessen trete ich lieber mit dir direkt in Kontakt, um nicht den Eindruck zu erwecken, hier müsse noch jemand außer dir belehrt werden.
Ein Teil von mir denkt ja, dass es für dich und den Brunnen am besten wäre, wenn ihr einfach in Vergessenheit geratet. Doch nun schreiben Künstler_innen, ein Uniseminar und eine Schulklasse über dieses Werk. Es wird recherchiert, wiedergefunden und in Stand gesetzt. Es wird diskutiert, zugehört, unter explizitem Einbezug von Minderheiten – zumindest so lange bis sich eine schwarz-blaue Koalition das Ding vor’s Kanzleramt stellt. Ich bin mir sicher: Niemand wird dich vor einer erneuten Instrumentalisierung durch die Rechten bewahren. Oder glaubst du, dass sich der Berliner Theaterklub oder das Museumsteam an der Thigh Gap der Tänzerin festketten, um seinen Abtransport zu verhindern? Denn die Möglichkeit seiner Instrumentalisierung liegt in der Gestaltung des Brunnens selbst.
Ich schreibe aus einer Welt, in der Frauen in der Regel nicht nackt auf einer wuchtigen Steinschale tanzen, die von drei erniedrigten Figuren gestützt wird. Ich empfinde keine Rührung beim Blick durch die Beine der Tänzerin, die du so prominent und auf Augenhöhe der Betrachter_innen ausgearbeitet hast. Ich habe auch nicht die Geduld jeden plumpen Ausdruck heterosexuellen Begehrens auf mich zu beziehen und persönlich zu nehmen. Und doch beschleicht mich das Gefühl, dass man mich gebeten hat, diesen Text zu schreiben, um noch eine weitere Nuance von Unbehagen in die Rezeptionsgeschichte einzubringen. Ich kann meinen Text nicht ohne Irritation verfassen, aber ich glaube, dass sich von dem Brunnen etwas über eine bessere Gegenwart lernen lässt – gerade weil er problematisch ist.
Ich verstehe es ja, du wolltest was wagen mit dem Brunnen. Und du hast dir Gedanken gemacht, mit eher einfältigem Ergebnis. Oben tanzt in exaltierter Pose eine nackte Figur. Schon beim Titel Tänzerinnen-Brunnen fängt es an. Georg, in Berlin „gendert man nicht auf Sicht“. Das lernte ich (und der ganze Saal) bei einer Veranstaltung, als eine Moderator_in eine Person im Publikum mit „die Frau da hinten“ ansprach. Wie also sprechen über die naive weibliche Schönheit dieser Figur? Über die puppenhaft simplifizierten Konturen von Brustkorb zu Bauch, über die blitzartige Pose, in der sie erstarrte. Vielleicht allegorisch? Doch auf den ersten Blick fällt die Gesamtkomposition als geronnenes Hierarchieverhältnis auf, welches, egal wie ich es drehe und wende, die Schönheit der Tänzerin irgendwie besudelt.
Was ist denn da unten los bei dir, Georg? Braucht es diesen Unterbau wirklich? In deinen Skizzen tauchen verschiedene Anordnungen auf: kriechende und kauernde Figuren, mal in einer, mal in zwei Etagen unter der Tänzerin. Mal exotisierte Frauen, mal Schwarze Jünglinge. Bevor du fragst: beides nicht gut gealtert. Und es ist dir sogar mehrmals gelungen die unteren Ebenen einfach wegzulassen. Die long story short: Unten sind „die Anderen“. Beide Teile entsprangen deiner Männerphantasie. Eine verzweifelt entrückt tänzelnde Weiblichkeit oben, eine abgelehnte, verdrängte Körperlichkeit unten. Wenn das zwanghaft ist, könnte es fast Mitleid wecken. Ist doch die Fähigkeit, das eigene Begehren ohne Verwerfung anderer auszudrücken, ein für alle erstrebenswertes Ziel – und für Männer deiner Generation oft unerreichbar. Alle Figuren scheinen dem Wasser auszuweichen. Oben tanzt die Lady fast pikiert zwischen den doldenartigen Fontänen. Unten schützen sie sich vor den Tropfen. Und ich lache über mich selbst, bei meinen stümperhaft psychoanalytischen Fragen: Wieso werden die Körper nicht nass bei dir? Was spritzt da aus der Blüte? Wieso hält die klobige, lotusartige Schale kein Wasser?
Aus meiner Warte heraus schreibt sich es leicht. Ich könnte so weiter machen, doch frage ich mich, ob der Anspruch an die Kritik nicht auch sein müsste, das eigene Begehren positiv und ohne schroffe Verwerfungen zu formulieren. Ich möchte dir und auch mir Eve Kosofsky Sedgwicks Text Paranoid and Raparative Reading, or, You’re So Paranoid, You Probably Think This Essay Is About You ans Herz legen. Dort hat die Autorin einiges zu einer paranoiden Denkweise zu sagen, die viel mit der gegenwärtigen Einordnung als „problematisch“ zu tun hat. Für Sedgwick ist eine paranoide Lesart durch einen potenziell endlosen und sich selbst bestätigenden Denkprozess gekennzeichnet, der den schlechtmöglichsten Ausgang vorhersieht. Dieses sich ausbreitende Denken sei davon gekennzeichnet, negative Überraschungen – sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft – zu vermeiden, weshalb eine paranoide Leser_in „never paranoid enough“ sein kann. Zugleich setze das paranoide Denken unkritisch auf „Aufdeckung“, deren Vorannahmen jedoch unterbeleuchtet blieben: „The paranoid trust in exposure seemingly depends […] on an infinite reservoir of naiveté in those who make up the audience for these unveilings. What is the basis for assuming that it will surprise or even disturb, never mind motivate, anyone to learn that a given social manifestation is artificial, self-contradictory, imitative, phantasmatic, or even violent?“
Ähnlich weit geht das Urteil ein bestimmtes Werk sei „problematisch“. Im ersten Affekt kann ich eine solche Einschätzung leicht nachvollziehen, doch es bleibt unklar, wie mit diesem Urteil und dem betroffenen Werk weiter zu verfahren sei. Sedwick wendet ein, dass eine unvollständige und sich selbst verknappende Perspektive vorliegt: „The monopolistic program of paranoid knowing systematically disallows any explicit recourse to reparative motives, no sooner to be articulated than subject to methodical uprooting. Reparative motives, once they become explicit, are inadmissible in paranoid theory both because they are about pleasure (‘merely aesthetic’) and because they are frankly ameliorative (‘merely reformist’). What makes pleasure and amelioration so ‘mere’? Only the exclusiveness of paranoia’s faith in demystifying exposure: only its cruel and contemptuous assumption that the one thing lacking for global revolution, explosion of gender roles, or whatever, is people’s (that is, other people’s) having the painful effects of their oppression, poverty, or deludedness sufficiently exacerbated to make the pain conscious (as if otherwise it wouldn’t have been) and intolerable (as if intolerable situations were famous for generating excellent solutions.“
Aber wie könnte ein reparativer Umgang mit deinem Brunnen aussehen, Georg? Viele Männer sind derzeit busy ihr Frühwerk als weniger problematisch herunterzuspielen, als es offentlichtlich war. Ich halte es für möglich zu konturieren, was an dem Werk schwierig ist und es nicht gänzlich einer augenrollenden Indifferenz anheimzugeben, die sich zwar kritisch im Gestus des Aufdeckens wähnt, die aber weder dir, den dargestellten Wesen noch den Betrachter_innen viel gibt. Und dies auf eine Weise zu tun, die zumindest teilweise reparativ und wiedergutmachend ist.
Mein erster Versuch war ein rigoroses queer Reading. Male Gaze, Begehren, Erwartung, Familie, heterosexuelle Matrix, not feeling it. Dann dachte ich an Susan Sontags Against Interpretation. „Es spielt keine Rolle ob die Künstler wollen oder nicht wollen, dass ihre Werke interpretiert werden.“² Dann wäre die Bronze Bronze und die Steine Steine. Es fiele auf, dass die Materialien unterschiedlich verwittern. Oben sähe ich den leicht kalkigen Dreck auf der dunklen Oberfläche im Sonnenlicht. Unten die gröbere Textur des Steins, die blättrigen Flechten auf den Haaransätzen und würde mich nicht fragen, ob sie zu einer Frau oder einem Jüngling gehören. Wie kann ein Werk in dieser Beschaffenheit „über“ etwas sein, das jenseits dieses schroffen Kontrastes der Materialität der Gestalten liegt? Jeder Gedanke, der auf ein „nothing about us without us“ zurückgreift, hat es schwer Halt auf diesen Oberflächen zu finden. Es bliebe unklar wie von Menschen aus Stein und aus Bronze zu sprechen wäre. The power is in the viewer, naja.
Georg, die Tänzerin hätte die Zeit besser alleine überdauert. Dann könnten wir heute jovial sagen „Ach, wie schön, so ähnlich wie die im Pavillon“. Doch anstößig an dem Brunnen bleibt deine Entscheidung, sowohl Schale als auch die sich wegduckenden Figuren aus Travertin zu fertigen. Dafür musst du dir selbst einen Take überlegen. Du gibst dir doch sogar Mühe mit ihnen. Sie bedecken mit ihren Ellbogen Brustkorb und Geschlecht, jeder Körper in eigener Haltung der Arme und Beine. Sie wollen nicht so gesehen werden, schauen zu Boden und meiden den Blick der Betrachter_innen. Es bleibt merkwürdig offen wer oder was sie sind.
Etwas Hoffnung liegt in diesen kleinen, spitzen Zungen. Die hockenden Figuren sind vielleicht nicht nötig für die Statik des Brunnens. Zwischen ihren Rücken ragen merkwürdige, oval zulaufende Formen hervor. Sind sie Teil eines abstrahierten Blütenkelches oder eines Kapitells, das auf der hexagonalen Bodenplatte sitzt und die Last der Schale in den Boden leitet? Wenn du dich richtig weit aus dem Fenster lehnen willst, kannst du behaupten, dass die Kauernden den Druck der Schale nicht halten müssen, könntest auf ihre entspannten und angewinkelten Füße verweisen und darauf, dass sie aufstehen könnten ohne den Brunnen zum Einsturz zu bringen.
Ist es möglich eine versöhnlichere Perspektive zu entwickeln, die nicht auf der Form und ihren Details beruht? Dein Werk will doch so wenig, es will nicht mal erschüttern. Sedgwick beschreibt die Zeitlichkeit im paranoiden Denken als identisch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. „While its general tenor of ‘things are bad and getting worse’ is immune to refutiation, any more specific predictive value – and as a result, aguably, any value for making oppositional strategy – has been nil. Such accelarating failure to anticipate change is […] entirely in the nature of the paranoid process, whose sphere of influence […] only expands as each unanticipated disaster seems to demonstrate, guess what, you can never be paranoid enough.”
Eine Erkenntnis, die ich im Umgang mit dem Brunnen lernte, wurde nicht von dir geschaffen, Georg, sondern von den Menschen, die die Welt mit anderen Augen sehen: Der Brunnen gehört zur Vergangenheit. Mit der Gegenwart und der Zukunft hat er wenig zu tun. Und das ist das Beste, was ihm passieren konnte. Ich brauche dich nicht fragen „Hättest du ihn heute wieder so gemacht?“ Ich brauche ihn auch nicht durch erschütternde Erkenntnisse für die Betrachter_innen in eine neues Licht rücken, das ins Jetzt strahlt. Vielleicht ist der Brunnen ein Objekt, dass unbeabsichtigt in Frage stellt, wann Kritik beginnen und auch wann sie enden kann. Es lässt sich von dem Brunnen nichts über soziale Ungleichheiten lernen, was nicht vorher schon bekannt war und anderswo klarer formuliert wäre. Er drängt mit seiner taumeligen Sorglosigkeit die Frage auf, wie weit man in den Kaninchenbau eines sich selbst bestätigenden Denkens herabsteigen möchte. Vielleicht ist ein entspannter Friede mit ihm möglich, wenn du und die Betrachter_innen auf ihn schauen und denken: „Früher war es mal anders“ ohne dabei seine Schönheit oder seine Makel zu vergessen. Dann könnte er etwas mehr egal sein. Und wir könnten im Anschluss gemeinsam auf andere Gedanken kommen.
¹ Eve Kosofsky-Sedgewick Paranoid Reading and Reparative Reading, or, You’re So Paranoid, You Probably Think This Essay Is About You. In: Touching Feeling. Affect, Pedagogy, Performativity. Duke University Press. Durham. 2003.
² Susan Sontag Against Interpretation. In: Against Interpretation and Other Essays. Farrar, Straus and Giroux. New York City. 1966. Zitiert nach Susan Sontag Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen. Übersetzt von Mark W. Rien. Fischer Taschenbuch. Frankfurt. 1995.
Erschienen in Der Brunnen. The Fountain. Hg. von Kathleen Reinhard/Georg Kolbe Museum. DISTANZ Verlag. 2025.
Georg Kolbe
Tänzerinnen-Brunnen
1922, fotografiert am 9.2.2025