Installationsansicht

Henrike Naumann

2000 (Detail Traueraltar Deutsche Einheit)

Museum Abteiberg

 

Volle Kraft Verwicklung

 

The world is closing in
Did you ever think
That we could be so close, like brothers
The future’s in the air
I can feel it everywhere
Blowing with the wind of change

– Scorpions

 

Vermutlich weil ein Werk über ein geteiltes Land etwas mit einem anderen geteilten Land zu tun haben muss, weht der Wind of Change die Werkgruppe 2000 von Henrike Naumann aus dem Museum Abteiberg auf die Busan Biennale 2018 in Südkorea. 2019 landet die Ausstellung in der Galerie KOW, im Kunstverein Hannover und im Museum der Bildenden Künste Leipzig. Die von der Künstlerin selbst aufgenommenen Analogfotos und ausgewählte Instagram-Posts von Besucher_innen aller Stationen flattern in diesen Katalog. Das Zeitfenster, für das sich Naumann in ihrer Ausstellung interessiert, liegt zwischen zwei Liedern der Scorpions, deren Titel ungebrochenen deutschen Optimismus und das Unbehagen in der Atmosphäre ihrer Ausstellung beschreiben: „Wind of Change“ (1990), die ‚Hymne der Wende‘ und „Moment of Glory“ (2000), der mehr oder minder offizielle Song der EXPO 2000 – der Weltausstellung, die das deutsche Selbstbild in die Welt posaunen sollte.¹ Der Wind of Change streicht auch durch die Steppe im Hintergrund des Portraits von Birgit Breuel, welches die Generalkommissarin der EXPO 2000 von den Vereinigten Arabischen Emiraten als Gastgeschenk erhielt. Zuvor ließ Breuel als Präsidentin der Treuhand einen Sturm der Privatisierungen über die ehemalige DDR hinwegfegen, der die volkseigenen Betriebe verwüstete.

Auf unübersichtlich verzweigte Art gibt Naumann das westdeutsch-neoliberale Erinnerungsnarrativ wilden Appropriationen anheim und verwickelt die Betrachter_innen in ein gemeinsames Verhältnis zum Werk wie auch zueinander. Es ist leicht, bei dem Reichtum an Assoziationen, die Naumanns Zusammenstellungen ausmachen, direkt in eine ‚inhaltliche‘ Diskussion zu springen und dabei zu übersehen, welche künstlerischen und ästhetischen Strategien das überhaupt erst ermöglichen: eine stumpfe Titelwahl, die ein historisches Bild heraufbeschwört; die Setzung einer Metapher, die den ganzen Ausstellungsraum umspannt und darin das Verschneiden von Privaträumen ineinander. Es entsteht weder eine immersive Installation noch ein bildhauerisches Werk, das distanziert betrachtet werden kann. Statt subtiler Andeutungen lässt Naumann für 2000 einen grauen Teppich mit schwarzen, roten, gelben und weißen Rechtecken in den Umrissen von BRD und DDR zuschneiden, die sie durch zwei Stellwände erneut trennt. Der entstehende Zwischenraum ist angefüllt mit Reliquien der EXPO 2000 und an der Stirnseite prangt der Traueraltar Deutsche Einheit.

Bildhauerisch setzt Naumann dabei auf den Einsatz von zumeist abgelebten Möbeln und Ladeneinrichtungen, die mit Accessoires wie Kunstfellen in Milka-Kuh- und Wikingeroptik, Setzkästen, Zinnbechern, Trinkhörnern und Endstücken von Gardinenstangen aufgepeppt werden und so persönliche, politische und fragwürdige Gedankengänge der Besucher_innen auslösen. In diesen inszenierten Realitäten laufen Naumanns Videos auf Fernsehern. Die mediale Rezeptionssituation ähnelt der eines Wohnzimmers, allerdings schließt der architektonische Raum sie nicht mit Gemütlichkeit oder Befremdlichkeit ab. Weitere Betrachter_innen laufen hinter den Zuschauenden von einer übergangslosen Szenerie zur nächsten.

Naumann findet die Möbel über Suchbegriffe wie ‚besonders‘, ‚Designer-‘, ‚merkwürdig‘, ‚Odin‘, und ‚super schön‘ auf Onlineportalen, in Sozialkaufhäusern und durch Zufall. Die Anzeigen werben mit ungelenk ästhetischen Kategorien, die mehr über das ehemals stolze Verhältnis der Vorbesitzer zu den Möbeln verraten als über deren Design. Oft wird in Kritiken darüber gemutmaßt, dass es sich bei den ehemaligen Besitzer_innen um Verlierer, Arme und Rechtsradikale handeln würde. Aber in 2000 versammelt sich nicht der vermeintliche Schrott aus dem Osten.² Avanciertes Bürgertum, Arbeiter und Arbeitslose, Post- und Neo-Migranten bieten zur gleichen Zeit die Postmoderne zum Verschenken an.³ Die Möbel haben niemandem das Versprechen einer unförmig bunten Zukunft eingelöst. Alle Menschen, deren Lebensumstände vom Spätkapitalismus heimgesucht wurden, können sich zu ihnen in Bezug setzen, weil es eine kollektive, aber keine eindeutige Erfahrung ist. Es ist also mitnichten einfach, die Werke mit einem Othering von sich zu weisen.

Die politische Aufladung der Arrangements mit Bedeutung erfolgt durch die Accessoires, die sie an Momente der Zeitgeschichte binden. So wie in der Sprache die Bedeutung zwischen den Wörtern und den Buchstaben liegt, liegt sie in Henrike Naumanns Werken im Raum, zwischen den Ritzen der Möbel, zwischen UN-Helm, Kettenhemd, Breuel-Portrait und den Videos auf den Fernsehern. Dabei geben manche Objekte und Erzählungen ihre Festigkeiten auf. Im Traueraltar Deutsche Einheit verwandelt sich die Minibar des interlübke Möbels in einen Tabernakel, auf einem Kunstfell prangt das Logo des Modedesigners Wolfgang Joop, der die Outfits der Hostessen des deutschen Pavillons der EXPO 2000 entwarf und deren Pumps sich auf den wie Runen angebrachten CD-Regalen an der Wand wiederfinden. Das liturgische Gerät besteht aus monochromen Vasen, Baseballschlägern, Kerzenhaltern, Kränzen aus Plüsch, ‚Action‘-Deos und ‚Lux‘-Seifen, die spiegelbildlich angeordnet sind und beispielhaft die Alltagsästhetiken umspannen, auf die Naumann immer wieder Bezug nimmt: Jugendkultur der 1990er, Technokultur, Unisexmode, Innendekorationen der gewaltbereiten Rechten und Verschwörungstheoretiker. Doch es ist kein anthropologisches oder dokumentarisches, sondern ein ästhetisches Interesse, das Naumann antreibt. Die Stärke in ihrem Werk liegt darin, dass sie eine Zeitspanne unvermittelt in einer räumlichen Situation zusammenfallen lässt. Die physische Beschaffenheit verborgener Vergangenheiten wird zugleich erfahrbar und aus der zeitlichen Distanz in dieselbe überfordernde Gegenwart gestellt.

Die Gegenwart lässt sich nicht aus sich selbst heraus erklären. In den Videos, die im VHS-Look historisches wie aktuelles Material trippig überblenden, knackt Henrike Naumann am deutschen Beispiel nationale Mythen. In FUN 2000 (2018) werden Renderings der EXPO-Pavillons, Steinzeit-Clipart sowie Berichte über die hungerstreikenden Arbeiter_innen von Bischofferode mit der geistlosen Selbstreflexion von Breuel – die Folgen der Privatisierungen durch die Treuhand wären durch ‚bessere Marktchancen‘ für die Ostdeutschen weniger ausbeuterisch gewesen – und einem Statement einer 1-Personen-Autonomiebehörde zu der Wiederaneignung des Volkseigentums montiert und mit einer Industrial-Moll-Version der Nationalhymne von Bastian Hagedorn unterlegt. Bei Das Reich (2017) sehen wir Aufnahmen aus dem Kronprinzenpalais⁴, die Naumann digital maskiert und mit selbstveröffentlichten Clips von Reichsbürgern überblendet – Stücke der Berliner Mauer werden an den Pyramiden von Chichén Itzá geopfert, Mister Germany Adrian Ursache degradiert einen Polizisten zum ‚Träger einer Wortmarke‘, weitere Scheinstaatler legen verworrene Gründungspapiere und UN-Beschwerden vor. Der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble bemängelt, dass sich Deutschland mit der Oder-Neiße-Grenze ‚abfinden‘ musste. Die Verbindung des ehemaligen, des nationalen und des verschwörungstheoretischen im Jetzt lassen keinen Zweifel daran: Es gibt kein Zurück in eine bessere Vergangenheit.⁵

Henrike Naumann setzt darum bei der Zeitgeschichte an, in der die Begeisterung der einen noch nicht verblasst ist und die Wunden der anderen noch nicht verheilt sind. Die Tagungen Eine Konferenz im geteilten Deutschland. Treuhand, Expo und der ganze RestEastern Girls & Western Boys und Mensch. Natur. Twipsy ermöglichen ein vielschichtiges Verständnis von Naumans Werk und der Gesellschaft, in der es situiert ist. Die Tagung in Hannover endete mit einem Besuch des deutschen Pavillons, dessen Nutzung die Stadt für Hochzeitsmessen und Parties wegen mangelndem Brandschutz untersagte. Dennoch wurde das Gebäude als Notunterkunft für 400 Geflüchtete umgenutzt.⁶ Für Naumann sind ein Vortrag von Marcus Böick und ein DJ Set von Ace of Diamonds gleichberechtigte Zugänge zu ihrem Werk, weil sie sich mit ihren Interessen an desolaten Atmosphären und den Brachen der jüngsten Vergangenheit überschneiden. Wer ein Wrestling-Match unterschiedlicher Meinungen erwartet liegt falsch: die Taktiken und Codes der Reichsbürger, Privatisierungsfanatiker und Nazi-Bräute sind zwar präsent, aber eine lebendige Aufführung deren Ideologien ist nicht notwendig, um sie als gesamtgesellschaftliches Problem zu verstehen. Um eben diese Herstellung des Problemverständnisses geht es Naumann in ihrer Kunst im weitesten Sinn. Durch Werkformate und ihr Raumverständnis gelingt es ihr das Desolate, das individuell und kollektiv Beklemmende und das Unbehagliche als gestalterische Kraft produktiv zu machen. Und zwar nicht im Sinne einer historistischen Rettung des Vergangenen, sondern auf der Suche nach einem gemeinsamen Umgang.

Die Dringlichkeit in Henrike Naumanns Arbeit liegt nicht darin, dass sie sich mit ‚den Rechten beschäftigt‘, die seit der Bundestagswahl 2017 viel beklagt werden.⁷ Zwar verdeutlicht die Künstlerin das deutsche Beispiel, aber die Räume und Videos zeigen die Ausweglosigkeit der Grammatik der Härte, Beschränkung und Abstoßung, die in vielen Ausführungen der international erstarkenden faschistischen Strömungen zutage tritt. Es lässt sich weder gegen ökonomische Alternativlosigkeit⁸ und Verschwörungstheorien noch überaffirmativen Nationalismus argumentieren – Rolf, die grinsend-aufmüpfige Hand, welche die Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen bewarb, hilft schwerlich darüber hinweg. Henrike Naumann setzt auf komplexe Verwicklungen der Betrachter_innen. Vom grüßenden Blick eines seltsamen Maskottchens, der unheimlichen Vertrautheit der Möbel, bis hin zu den Tagungen und Gesprächen, die sie in ihren Einzelausstellungen organisiert. Sie macht sich Geschichte zu eigen, in dem sie die materiellen Überbleibsel von Erzählungen entleert und in einen sprudelnden Prozess gemeinschaftlicher Umdeutungen überführt. An welcher Stelle man einsteigt, sei es ein Selfie, eine Anekdote in einem Gespräch oder ein Text – jede Pose, jedes Kuscheln und jedes Wort trägt zu einer vielstimmigen Neuaneignung jenseits begrenzter Heimatphantasien bei.

Wenn es gelingt, sich um die Auflösung nationalistischer Erzählung zu versammeln, ist viel geschafft. Die Anordnung und die Wege, wie Henrike Naumann Menschen zueinander in Bezug setzt, könnten das verschüttete Versprechen einer gemeinsamen besseren Zukunft erneuern. Wohin also aufbrechen? So klar wie von Bini Adamczak wurde es selten formuliert: „Auch die Linke verkörpert das Angebot einer kollektiven Stärke, allerdings einer, die nicht auf der Verachtung von Schwäche basiert, sondern Solidarität in Verletzbarkeit und Verletztheit mit einschließt. Sie fordert eine soziale Sicherheit, die die strukturelle Unsicherheit des Kapitalismus nicht ergänzt, sondern ersetzt. Sie verspricht eine universelle Zugehörigkeit, die nicht durch den Ausschluss der Anderen zustande kommt und deswegen auch nicht von der Angst, selbst herauszufallen und verstoßen zu werden, begleitet werden muss. Dieses Angebot ist – offenkundig – das attraktivere, es darf – offensiv – beworben werden. Seine versuchte Umsetzung verlangt aber auch nach kritischer Selbstreflexion. Dem Prinzip nach kennt die Linke keine apriorischen Zugangsbeschränkungen – sie macht nicht alles mit, aber sie macht es mit allen.”⁹ Auch mit Rolf.

 

¹ „Die EXPO ist eine Chance für Deutschland, seine Vielfalt, Leistungsfähigkeit und Lösungskompetenz unter Beweis zu stellen. Entsprechend groß müssen unsere Anstrengungen sein. Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung und ein gutes halbes Jahrhundert nach dem demokratischen Neuanfang kann Deutschland sich der Welt als gefestigtes demokratisches Gemeinwesen darstellen, das den Menschenrechten verpflichtet ist, weltoffen und tolerant, bereit und in der Lage, die Herausforderungen der Zukunft anzunehmen.“ Aus: Drucksache 13/7964, beschlossen in der 241. Sitzung der 13. Wahlperiode des Bundestags.

² In der Installation finden sich Möbel von Junges Wohnen, Jochem Reichenberg, Young Styling, interlübke, David Lewis, Rolf Benz, sowie Teile der Ladeneinrichtung eines Orthopädiefachgeschäfts, meist aus dem Umfeld von Mönchengladbach, wo sich das Museum Abteiberg befindet.

³ Und die Stile, die sie ersetzen könnten, klingen wie austeritäre oder neovölkische Drohungen: Minimalismus und Landhaus.

⁴ An diesem Ort wurde der Einigungsvertrag zwischen BRD und DDR unterzeichnet und auch die Arbeit von Naumann zuerst gezeigt. Für Verschwörungstheoretiker ist der Vertragsabschluss eine Bruchstelle, ab der sie die Staatsgewalt Deutschlands nicht mehr anerkennen.

⁵ Eine prägnante Herleitung der Gegenwart in der postnationalsozialistischen Gesellschaft macht Max Czollek im Kapitel „Die frühen Jahre“ seines Buches Desintegriert euch!, München: Hanser Verlag, 2018.

⁶ Siehe dazu die Artikel Deutscher Pavillon in Schwierigkeiten vom 13.10.2013 und Der Deutsche Pavillon hat jetzt Zelte vom 29.10.2015 aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, abrufbar unter: haz.de

⁷ Im Übrigen gehen Werke wie Desolation, The Museum of Trance, Eurotique, Intercouture und Comme des Kinois weit über die deutsch-deutsche Geschichte hinaus.
⁸ Laut Elske Rosenfeld wurden die basisdemokratischen Strömungen der Bürgerrechtsbewegung der DDR im Prozess der ‚Wiedervereinigung‘ nicht etwa aufgegriffen sondern eingehegt: „Der Wunsch nach Eigenständigkeit der neuen DDR-Regierung, ihr ‚idealistischer Grundton‘ – wie es in einer Notiz des Bundeskanzleramts heißt –, ihr Streben nach einer ‚gerechten internationalen Wirtschaftsordnung‘ stießen bei der Bundesregierung weder auf Gegenliebe noch auf nennenswerten Verhandlungsspielraum.“ Elske Rosenfeld, „1989/90 ist noch nicht vorüber“, abrufbar unter: dissidencies.net/1989-90-ist-noch-nicht-voruber/

⁹ Bini Adamczak, „Ich halte das anti-utopische Bilderverbot für erledigt“, in: Konkrete Utopien, Hg. Alexander Neupert-Doppler, Stuttgart: Schmetterling Verlag, 2018, S. 31.

 

Erschienen in Johannes Büttner, Markues, Henrike Naumann Henrike Naumann. 2000. Hg. von Leipziger Volkszeitung, Museum Abteiberg Mönchengladbach und Kunstverein Hannover. Spector Books. 2019.

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Henrike Naumann

2000 (Detail)

Museum Abteiberg